Verhunzen unsere Sprache

40 | ALSTERTAL MAGAZIN MAGAZIN Verhunzen wir unsere Sprache? Gender-Sprache erregt die Gemüter. Sie ist für viele neu, ungewohnt und für manche übertrieben. Wie also sollten wir damit umgehen? ALSTER-MAGAZIN-Herausgeber Wolfgang E. Buss führte dazu ein Gespräch mit zwei Persönlichkeiten der Stadt, die unterschiedliche Positionen in ebenfalls sehr unterschiedlichen Parteien zu diesem Thema vertreten. Zum einen Dr. Christoph Ploß, MdB und neuer CDU-Chef Hamburg und Farid Müller, Mitbegründer der Hamburger Ehe für Lesben und Schwule sowie queer- und medienpolitischer Sprecher der Grünen Bürgerschaftsfraktion. Was zum Beispiel ist die richtige Ansprache, Liebe Bürgerin- nen und Bürger? Dazu Farid Müller: Weibliche und männliche Formen zu begrüßen ist heute gang und gebe. Aber: Der aktuelle Stand ist eigentlich, dass wir mit Bürgerinnen begrüßen. Das Bundesverfassungsgericht hat so geurteilt, dass im Personenstands- recht auch das dritte Geschlecht berücksichtigt werden muss. Wie das Gendersternchen genau mitzusprechen ist ob mit einer minimalen Pause können wir von Farid Müller lernen. Christoph Ploß hat mit Mitbürgerinnen und Mitbürgern auch kein Problem. Aber, so seine Sorge, es darf nicht ausarten und die deutsche eigene Sprache nicht unkenntlich machen. Er will keine Sondersprache für spezielle Milieus. Ärzt_Innen geht irgendwie nicht. Sprache soll nicht trennen statt zusammenführen, da bin ich mit Ploß einig, so Müller. Sprache entwickelt sich weiter und muss sich weiterentwickeln. Vor 50 Jahre waren schwul und lesbisch noch Schimpfworte, so Müller. Und was bedeutet das dritte Geschlecht für unsere Sprache, und: wie kann man es der Mehrheitsgesellschaft vermitteln? Staatliche Stellen etwa sprechen ihre Bürgerinnen und Bürger in Formularen deutlich formeller an, als wir es im Alltag tun, so Müller. Die Menschen im Alltag haben aktuell allerdings andere Pro- bleme zum Beispiel die Bewältigung der Corona-Krise als sich mit sprachlicher Geschlechterneutralität zu befassen. Freiheit in der Sprache ja, aber eben nicht angeordnet wie in manch rot-grünen Städten, kontert Ploß. Dazu Müller: Wir als Volksvertreter sind aber in der Verantwortung, die Urteile aus Karlsruhe umzusetzen wenn es den Menschen da draußen auch sperrig vorkommen mag. Du wirfst den eher linkeren Parteien das als Weltanschauung vor, aber das dritte Geschlecht ist Tatsache und keine Weltanschauung. Und wenn der Staat sich an seine Bürgerinnen und Bürger wendet, wenn es also um Service geht, ist es ist das eine, wenn wir untereinander und miteinander sprechen, das andere. Und die Behördensprache ist keineswegs einheitlich. Die eine Behörde löst das Thema mit dem Gendersterchnen (Ärztinnen), die andere mit dem Unterstrich und einem Sender I (Ärzt_Innen), wie in Hannover beispielsweise. Aber, wendet Ploß ein, es gibt kein Verfassungsgerichtsurteil, das eine bestimmte Sprache vorschreibt! Über fünf Seiten wird im Hamburger rot-grünen Koalitionsvertrag über Genderthemen diskutiert aber nur vier Seiten über den Touris- musstandort Hamburg. Das verstehen vielen Menschen da draußen nicht. Ganz so ist es nicht, erwidert Müller, ich muss es wissen, denn ich habe diese Teile selbst mit verhandelt. Ploß: Ich erlebe vielfach im Wahlkreis, dass die Menschen Dr. Christoph Ploß, CDU, MdB und CDU-Chef Hamburg Farid Müller, MdhB für die Grünen in Hamburg Führte das Gespräch: Wolfgang E. Buss Oder: Demokratie heißt eben, allen gerecht zu werden. Auch mit der Sprache. Ein spannendes Gespräch auch als Podcast!