London ruft Hamburg

20 | ALSTERTAL MAGAZIN MAGAZIN eingeschleuster Agent des britischen Secret Intelligence Service hat Leibbrandt enttarnt. Wegen Hochverrats zum Tode verurteilt, wird Leibbrandt später zu lebenslanger Haft begnadigt und nach dem Krieg amnestiert. Die Funkbetriebsstelle im Kupferhof stand auch im Mittel- punkt eines Agentenkrimis, der in keinem Buch über die Welt- kriegsspionage fehlt: Operation Double Cross (Unternehmen Doppelspiel), ein Funkspiel mit Doppelagenten, das sich der britische Geheimdienst MI5 mit der deutschen Abwehr lieferte. Eine der Schlüsselfiguren in diesem Spiel war der walisische Kaufmann Arthur Owens, der sich 1937 bei einer Geschäftsreise nach Deutschland dem Hauptmann Nikolaus Ritter von der Ab- wehrstelle Hamburg als Agent zur Verfügung gestellt hatte. Dem lieferte er Informationen, die Ritter als zuverlässig und wertvoll einstufte, wie er nach Berlin berichtete. Das hinderte Owens indes nicht daran, sich auch der britischen Seite anzubieten und sie mit Informationen zu versorgen, die er bei seinen Reisen nach Deutschland gewonnen hatte. Im Juli 1939 reiste er auf Wunsch Ritters ein letztes Mal nach Deutschland und wurde im Kupferhof im Bau und Betrieb eines Agentenfunkgeräts ausgebildet, dessen Bauteile er einen Monat später auf konspirati- vem Weg in England von der Abwehr erhielt. Im Sommer 1940 begann die Abwehr mit dem systematischen Ausbau ihres Agentennetzes in England. Eine wichtige Funktion zugedacht war dabei eigentlich dem nun schon bewährten Agenten Johnny Arthur Owens. Dem aber war die britische Spionage- abwehr längst auf die Schliche gekommen. Sie ließ den Doppel- agenten zunächst gewähren, weil sie sich durch seine Überwachung Informationen über die Arbeitsweise deutscher Agenten versprach. Als Geheimdienst-Profi spürte Ritter, dass Owens auch für die Gegenseite arbeitete, ließ ihn aber seinerseits gewähren. Einen Tag nach der englischen Kriegserklärung, am 4. September 1939, klickten die Handschellen, weil die britische Spionageabwehr Owens letztlich doch nicht traute. In Hamburg ahnte man davon nichts. Unter der Leitung der britischen Spionageabwehr nahm Owens aus dem Gefängnis in London Verbindung mit der Station in Wohl- dorf auf. Das war die Geburtsstunde des Doppelspiels. Dessen Dreh- und Angelpunkt war der Agent Snow Arthur Owens. Wieder in Freiheit, sendete dieser regelmäßig von MI5 zusammengestellte Meldungen nach Wohldorf, mal sogenanntes Spielmaterial, das waren wahrheitsgemäße aber weniger wichtige Informationen, mit denen ein eventuelles Misstrauen Ritters gegenüber Owens zerstreut werden sollte, mal gekonnt aufbereitete Falschinforma- tionen. Seine Funksprüche enthielten Meldungen über Schiffs - bewegungen, Infrastruktureinrichtungen, Verteidigungsanlagen, die Dislozierung von Truppen, die Belegung von Flugplätzen und mögliche Bombenziele in England, Informationen von unschätz- barem Wert, wie Ritter notierte. Allerdings war Ritter mittlerweile davon überzeugt, dass Owens für beide Seiten tätig war. Gleichwohl behielt die britische Seite in diesem Doppelspiel stets die Oberhand. Denn Ritter nahm an, dass Owens ihm entgegengebrachte Loyalität stärker wäre als die gegenüber den ihm eigentlich verhassten Engländern. Des- halb würde Owens ihn besser bedienen als seine Gegenspieler, so Ritters Fehleinschätzung. Beide Männer trafen sich regelmäßig im neutralen Ausland, wo Owens Spionageaufträge von Ritter entgegennahm. Bei einem Treffen in Lissabon im Sommer 1940 konfrontierte Ritter sein Gegenüber mit seinem Verdacht und Owens gab seine Zusammenarbeit mit dem MI5 zu. Nach einem weiteren Treffen in der portugiesischen Hauptstadt brach Ritter den Kontakt zu seinem einstigen Spitzenagenten in England ab. Nun ließ auch der MI5 Owens fallen und steckte ihn bis Kriegs- ende ins Gefängnis. Im Kupferhof gingen noch bis zum Frühjahr 1941 Meldungen von Owens Funkgerät ein, wobei Mitarbeiter der britischen Spionageabwehr, die zuvor genauestens die typische Handschrift von Owens beim Sendebetrieb studiert hatten, den Funkverkehr übernahmen. Auch wenn dessen Hauptakteur ausge- spielt hatte, ging das Doppelspiel mit bis zu 120 Doppelagenten noch fast vier Jahre weiter, bis in der Domäne die Empfangsgeräte abgeschaltet wurden. Das war Anfang Mai 1945 und die britischen Truppen stan- den bereits vor den Toren der Stadt. Kurz vor deren Einmarsch zerstörten die Funker Teile der technischen Einrichtungen der Funkbetriebsstelle oder machten sie unbrauchbar. Der Kupferhof als Agentenfunkzentrale war Geschichte. Jan Heitmann, Historiker & Journalist London ruft Hamburg Das Geheimnis des Kupferhofs in Wohldorf Fortsetzung von Seite 18 Chiffrierraum: Das dienstha- bende Personal war handverlese- nen und brachte oftmals schon aus dem Zivilleben technische Quali- fikationen mit. Bis zum Mai 1945 war es aktiv. R . S ta rit z