MAGAZIN Nerven Männer

ALSTERTAL MAGAZIN | 17 MAGAZIN D ie Nerven der Männer sind zum Zerreißen ge-spannt. Sie haben keinen Blick für das stilvolle Ambiente im Hamburger Hotel Esplanade, in dem sich ein gemeinsamer Stab von Heer, Ma- rine und Luftwaffe einquartiert hat. Es ist der 10. April 1940, der zweite Tag des deutschen Angriffs auf Norwegen. General Nikolaus von Falkenhorst und seine Mitarbeiter vom Gefechtsstand Weserübung warten auf Informationen aus dem Kampfgebiet. Um 7.32 Uhr kommt die erlösende Nachricht: Unternehmen Narvik, Drontheim, Bergen, Egersund, Arendal voll geglückt. In Oslo sind wir Herr der Lage. Die Depesche kommt jedoch nicht direkt von der Front, sondern aus dem nur knapp 20 Kilometer entfernten Kupferhof in Hamburg- Wohldorf. Hier betreibt die Abwehr, der deutsche militärische Geheimdienst, unter dem Tarnnamen Domäne eine Funkzentrale, von der aus der gesamte Funkverkehr mit den deutschen Agenten in West- und Nordeuropa, England, Irland und dem gesamten amerikanischen Kontinent geführt wird. Doch bis es so weit war, durchlebte der Kupferhof eine wech - selvolle Geschichte. Nach einer seit dem Mittelalter andauernden Nutzung als Getreidemühle, Drahtmühle, Textilfabrik, Kupfermühle und herrschaftliches Domizil stand das 1912 errichtete Wohnge - bäude, als Haus Westphal bekannt, samt Parkgrundstück 1937 zum Verkauf. Zunächst fanden sich keine Kaufinteressenten, so dass im folgenden Jahr der Reichsfiskus bei einer Auktion das Anwe - sen günstig ersteigern und der Wehrmacht zur Nutzung anbieten konnte. Ohne auf eine Weisung der Berliner Zentrale zu warten, reklamierte die Dienststelle Hamburg des Amtes Ausland/Abwehr, deren Agentennetz fast die ganze westliche Hemisphere umspann- te, die Immobilie für sich. Bei der Größe des Operationsgebietes kam es ihr darauf an, durch weitreichende Funkverbindungen eine schnelle Kommunikation mit ihren Agenten zu gewährleisten. So war der Abwehr-Major und Fernmeldeingenieur Werner Trautmann auf der Suche nach einem geeigneten Standort für eine Funkstelle auf den abgelegenen Kupferhof gestoßen. Das Gebäude bot genügend Platz für Dienst-, Funkbetriebs-, Tech - nik- und Chiffrierräume und das Außengelände brachte ideale Voraussetzungen für die Errichtung der großen Antennenanlagen mit sich. Im Sommer 1939 bezog die Abwehr das Gebäude. Im Park wurden Antennen aufgebaut und beiderseits der Auffahrt entstanden Wohnbaracken für das Funkpersonal und ein rund um die Uhr be - setztes Wachgebäude. Ein Bauernhaus gegenüber beherbergte die Funkwerkstatt. Da der Empfang der Agentenmeldungen durch den gleichzeitigen Sendebetrieb erheblich beein- trächtigt wurde, wurde 1940 in einem leerstehenden Villenanwesen in der rund 1,5 Kilometer Luftlinie entfernten Diestelstraße in Ohlstedt die Sendestation Vorwerk eingerichtet, die vom Kupferredder aus über Kabel fernbedient wurde. Der Kupferhof diente fortan als Betriebs- und Empfangszentrale. Möglich war das nur dank des handverlesenen Personals, das oftmals schon aus dem Zivilleben eine technische Qualifikation mitbrachte. Die Personalstärke der Funkstelle lag bei zwei bis drei Offizieren, sechs Wacht- und zwei Funkmeistern, 18 Funkunterof - fizieren und 83 Mannschaftsdienstgraden von Heer, Marine und Luftwaffe. Unter den Mannschaften waren zahlreiche besonders engagierte frühere Amateurfunker, denen der zügige Aufbau der Anlage in Eigenleistung und das Funktionieren des oft schwierigen Agentenfunks hauptsächlich zu verdanken waren. Rund um die Uhr hielten die Funker im Schichtdienst an 25 Empfangsplätzen Verbindung zu eigenen Außenstellen im besetzten Europa, dem neutralen Spanien und Südamerika, die als Relaisstatio- nen dienten, untergeordneten Organisationseinheiten, Abwehrleuten in den deutschen Botschaften in den neutralen Staaten und vor allem zu rund 150 Agenten, die mit als Koffer getarnten Funkgeräten ausgestattet waren. Alle eingehenden Meldungen wurden codiert per Fernschreiber an die Abwehrstelle im Dienstgebäude des Ge - neralkommandos in der Knochenhauerstraße (Sophienterrasse), weitergeleitet, ein Ort, mit dem später Generationen junger Männer als Musterungszentrum Bekanntschaft machten. Dort wurden die Meldungen ausgewertet und das Ergebnis an die Abwehrzentrale in Berlin übermittelt. Mit neun Empfangs- und zehn Sendeantennen entwickelte sich die Großfunkstelle Domäne im Laufe der Zeit zur Leitstelle der Abwehr für den überseeischen Agentenfunk. Die militärischen Erfolge der Wehrmacht in den ersten Kriegs - jahren waren nicht zuletzt auch auf die Aufklärungsergebnisse der Auslandsagenten des Geheimen Meldedienstes der Abwehrstelle Hamburg zurückzuführen. Das zeigte sich besonders deutlich beim Unternehmen Weserübung, der Invasion Norwegens und Däne - marks im Frühjahr 1940. Nachdem sich die Anzeichen für einen bevorstehenden Angriff gemehrt hatten, nahm die Abwehrstelle Kontakt zu den Reedereien auf, deren Schiffe in der zweiten April - woche norwegische Häfen anlaufen sollten, die im Schwerpunkt der beabsichtigten Landungen der deutschen Truppen liegen würden. Von den Dampfern aus sollten Informationen gesammelt und nach Wohldorf übermittelt werden. Da es üblich war, dass die Funkan - lagen von Schiffen kriegführender Nationen in neutralen Häfen versiegelt wurden, wurde das zur Mitarbeit gewonnene Personal der Handelsschiffe mit Agentenfunkgeräten ausgestattet und im Kupferhof daran eingewiesen. Unter diesen Gewährsleuten war auch der Zweite Offizier des Dampfers Widar der Neptun-Reederei. Anfang April 1945 geht sein Schiff mit Kurs Norwegen in See. Am 5. April empfängt die Funkstelle in Wohldorf als ersten Empfangsraum: Der deutsche militärische Geheimdienst betrieb unter dem Tarnnamen Domäne im Kupferhof eine Funkzentrale für die Kommunikation mit deutschen Agenten. Einsamer Kupferhof: Das 1912 errichtete Wohngebäude war wegen seiner abgeschiedenen Lage für die geheimen Aktivitäten der Nationalsozialisten perfekt geeignet. Fortsetzung auf Seite 18